Sonntag, 5. Dezember 2010

Schnee

Manchmal verstehe ich den Pater nicht. Aber soll mich das wundern? Jutta Hinterer sagt, nein. Denn schließlich ist Pater Nau ein Mann, wenn auch ein Pater. Jedenfalls hat es geschneit in Frankfurt. Ich liebe das ja. Wenn man morgens aus dem Fenster schaut und alles ist so schön weiß wie in einer Zuckerbäckerei. Aber das schönste ist, das alles so still ist. Haach.
Der Pater aber hat sich seine dicksten Stricksocken angezogen und verkündet, er würde erst im Frühling wieder das Haus verlassen. Der Schnee wäre kalt, die Straßen voller Eis, und er sich sicher, dass er hinstürzt und sich ein Bein bricht, sobald er das Haus verlässt.
Im Winter, so der Pater, sei die Erde nicht nur in Frevlerhand, sondern in eisiger Frevlerhand. Und die Erde ein weißes Jammertal und das Leben das kalte Grauen.
Also hockt er in seiner Studierstube, lädt Bruder Göck ein und nascht mit ihm alle Weihnachtsplätzchen schneller, als ich sie backen kann.
Jetzt muss ich auf den Markt. Ich brauche Mehl und Eier, Mandeln und Zucker, den ich in der Pulvermühle mahlen will, um neue Plätzchen zu backen.
Eigentlich mag ich die Feuerstelle in der Küche gar nicht so sehr heizen. Am Ende wird es so warm, dass der Schnee auf den Fensterbrettern schmilzt. 
Andererseits stimme ich mit Plätzchen den Pater friedlich.
Großer Gott, warum nur kann sich eine Frau nicht einfach freuen, ohne dass ihr dabei ein Mann in die Quere kommt? Das wüsste ich zu gern.

Montag, 29. November 2010

Pater Nau ist krank

Grundgütiger Gott, ich bin völlig erschöpft. 
Pater Nau war krank. Vier Wochen lag er danieder. Und gejammert und geklagt hat er wie ein bayerisches Klageweib. Sein letztes Stündlein nahe, hat er gewimmert. Bruder Göck solle mit den Sakramenten kommen. Das Leben sei ein Graus und die Erde ein Jammertal. Und überhaupt wäre die Welt in Frevlerhand. Noch nie hätte er solche Schmerzen erleidet. Warum nur prüfe ihn der Herr so. Selbst Jesus am Kreuz hätte weniger Qualen auszustehen gehabt. 
Ruhig war er gerade nur, wenn ich ihm Lindenblütensud eingeflößt habe. Und für den Husten eine Mischung aus Honig und Thymian. Jeden Abend habe ich ihm die Brust mit heißem Butterschmalz eingerieben, darüber ein dickes Leinentuch und neben das Bett eine Schüssel mit Minze. Er hat geschwitzt und gerufen, jetzt wisse er, wie heiß das Höllenfeuer brenne. Wenn ich ihm einen Becher heißen Bieres gebracht habe, hat er aufgeschluchzt, die Hände gerungen und gefleht, der Herr solle ihn erlösen, dieses Gebräu stamme sicher direkt aus dem Fegefeuer.
Haaach, die letzten vier Wochen waren wirklich hart. Aber nun ist seine Erkältung ausgeheilt, aber ich frage mich, was geschieht, wenn ihn die Leiden des Alters anfallen? Wenn es im Kreuze zwickt und die Knie sich nicht mehr beugen lassen. Und - Herrgott verzeih mir - ob es nicht womöglich eine Alterskrankheit gibt, die ihm die Zunge an den Gaumen klebt.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Was die Leute immer so reden

Pater Nau sagt ja immer, ich soll nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber manchmal muss ich mich doch wundern, was die Leute so reden.
Da war ich doch heute auf dem Markt und habe wie immer beim Käsestand vorbei geschaut. Und da steht doch die Fischerin aus der Nachbargasse und zetert, ein Ei vom ganzen letzten Dutzend wäre schlecht gewesen. Und sie schrie noch, es gehe ihr nicht um das Ei, sondern um`s Prinzip.
Um was für ein Prinzip denn? Hat irgendwer schon mal jemals vom "schlechten Ei aus einem Dutzend-Prinzip" gehört? Und woher weiß sie, was ihr Prinzip will? Ein neues Ei? Kostenlos? Schlägt sie das dann dem Prinzip in die Pfanne? Ich verstehe so etwas nicht. Wer stellt eigentlich Prinzipien auf? So allgemein und im besonderen? Gibt es eine Prinzipienvergabestelle? Oder wenigstens eine Liste, in der man nachlesen kann, wer wann und wo ein neues Prinzip aufgestellt hat?
Jutta Hinterer, Geldwechslerin und meine beste Freundin, hat nur gelacht. "Es ist eine Redensart, Gustelies, nichts weiter. Und im Prinzip sagt jemand, dem es um`s Prinzip geht doch nur: Ich weiß zwar nicht genau, was eigentlich los ist, aber ich habe auf jeden Fall Recht."
Aha, habe ich gedacht, und endlich begriffen, wofür Prinzipien gut sind. Wer also keine Argumente hat, der nimmt einfach wahllos Prinzipien zur Hand und schon ist alles in bester Ordnung. Jedenfalls für den Prinzipbesitzer.

Montag, 18. Oktober 2010

Gustelieses Blog

Die Zeit rast dahin wie ein Vierspänner, und mein Gedächtnis nimmt in derselben Geschwindigkeit ab. Jetzt haben wir schon den 18. Oktober im Jahre des Herren 1533.

Jetzt bin ich Großmutter geworden. Merkwürdig fühlt sich das an. Meine Hella war doch vor gar nicht langer Zeit selbst noch ganz klein. Und ich? War es nicht erst vorgestern, dass ich noch mit Reifen und Lumpenball gespielt habe, bis die Zöpfe mir um die Ohren flogen? War es nicht erst gestern, dass meine Eltern mir sagten, ich solle den Richter Kurzweg heiraten?

Ich habe es getan. Man tut nämlich, was die Eltern sagen. Zumindest war das zu meiner Zeit so. Und auch Hella hat sich in meinem Willen gefügt und den Richter Heinz Blettner geheiratet. Für eine Richterstochter ist ein Richtergatte die beste Partie. So nahe dran an der Obrigkeit, da kriegt man mit, was in Frankfurt so läuft. Außerdem braucht jeder Mann, der sich mit Criminalia beschäftigt, ein Weib, das ihm ein bisschen unter die Arme greift. Das habe ich mein Leben lang so gehalten bei meinem Richter, und Hella tritt Gottseidank in dieser Hinsicht in meine Fußstapfen.

Die Männer sind ja zu vielen Dingen gut zu gebrauchen, aber Criminalia sind nun mal Frauensache. Auch, wenn der Rat das anders sieht, und Hella und mich am liebsten von jedem neuen Fall so fern wie möglich halten würde. Aber manchmal eben fehlt den Männern doch so ein Fünkchen Einbildungskraft. Und schon gar, wenn in die Fälle Frauen verwickelt sind. So ein Mann denkt anders. Irgendwie nicht so sehr mit dem Herzen wie eine Frau. Da kann manch wertvoller Hinweis unter den Tisch fallen. Aber zum Glück sind wir ja da, Hella und Jutta Hinterer und ich.

Vielleicht war es zu Beginn nicht die große Liebe. Bei mir nicht, und bei Hella auch nicht. Aber die Liebe wächst mit ihren Aufgaben.

Also wird Hellas Liebe in den nächsten Zeiten gewaltig wachsen müssen, jetzt, wo sie zwei Kinder hat. Fedor und Floriane. Meine Güte, auf was für Namen die Leute heutzutage so kommen! Da kann ich nur den Kopf schütteln, und ganz Frankfurt mit mir.

Zu meiner Zeit war es so, dass die Kinder nach ihren Eltern und Paten hießen. Nix da mit diesem neumodischen Faxenkram. Hätte der Junge nicht nach Heinz heißen können? Oder meinetwegen noch nach Pater Nau? Aber nein, Fedor!

Und dann Floriane! Hat ein Mensch so was schon gehört? Foriane! Klingt in meinen Ohren ein bisschen nach Flohpulver.

Lieber Himmel, Flohpulver. Ich darf nicht vergessen, das einzukaufen, wenn ich nachher auf den Markt gehe. Seit mein Bruder Nau aus dem Verlies raus ist, wimmelt es in unserem Haus nur so vor Ungeziefer. Ich muss mich beeilen, sonst sind die besten Sachen weg! Die Leute heutzutage kennen ja keine Rücksicht mehr. Da wird gekauft und gekauft, und keiner fragt, ob die anderen auch etwas brauchen. Naja, darüber denke ich gründlicher nach, wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe.